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Bücher, die du nie gelesen hast

Fast jeder, der liest, hat diesen Stapel. Bücher, die an einem guten Tag in der Buchhandlung mitgekommen sind, Geschenke von Leuten, die es gut meinten, Bände aus einem Umzugskarton, ein Roman, der bis Seite dreißig gekommen ist. Sie stehen da und erinnern jedes Mal daran, dass etwas nicht erledigt wurde. Das ist aber keine Schuld, und es ist nichts zurückzuzahlen.

Ein Vorrat, kein Lehrplan

Ein gekauftes und nicht gelesenes Buch ist kein verlorenes Geld. Es wurde aus einem Grund gekauft, der an dem Tag gestimmt hat: Neugier, ein Gespräch, eine Lust. Diese Lust hat es gegeben, sie wurde im Moment des Kaufens auch bedient, und dass sie nicht angehalten hat, macht die Entscheidung nicht dumm.

Schwer wird es erst durch den Satz, den man draufgeklebt hat: Das hätte ich längst lesen müssen. Dann wird aus einem Regal eine Liste unerledigter Dinge, gut sichtbar im Wohnzimmer aufgestellt. Das ist eine seltsame Art, mit Gegenständen zu leben, die eigentlich Freude machen sollen.

Es gibt eine entspanntere Sichtweise, und sie stimmt auch: Ein privates Bücherregal ist kein Lehrplan, sondern ein Vorrat. Man greift hinein, je nachdem, wie es einem gerade geht. Dass ein Teil nie gelesen wird, ist die normale Funktionsweise eines Vorrats und nicht sein Scheitern.

Bücher, die du gewählt hast, und Bücher, die dir passiert sind

Der Stapel wird deutlich handlicher, wenn man ihn einmal in zwei Haufen teilt. Auf den einen kommt, was du selbst wolltest: in der Buchhandlung in die Hand genommen, nach einer Empfehlung bestellt, aus einer Rezension notiert. Auf den anderen kommt, was dir zugelaufen ist – Geschenke, ein geerbtes Regal, ein Karton aus einer Wohnungsauflösung, drei Bände, die eine Kollegin loswerden wollte.

Der zweite Haufen kostet null Nachdenken. Diese Bücher hatten nie etwas mit dir zu tun, und trotzdem machen sie bei vielen Leuten den größeren Teil des schlechten Gewissens aus. Sie sind meistens in zwanzig Minuten sortiert, und danach sieht das Regal schon anders aus.

Der erste Haufen ist der interessante, und er ist selten so groß, wie er sich anfühlt. Darin steckt oft ein Vorhaben, das inzwischen vorbei ist: der Italienischkurs vor der Reise, die vier Bände über ein Thema, das dich ein halbes Jahr beschäftigt hat, das Fachbuch aus einem Job, den du nicht mehr machst. Diese Bücher loszulassen fühlt sich nach Aufgeben an, obwohl das Vorhaben längst abgeschlossen ist – im Guten wie im Schlechten.

Behalten ist nicht die einzige Art, Zugang zu behalten

Ein Grund, warum das Aussortieren schwerfällt: Es fühlt sich an, als gäbe man die Möglichkeit selbst weg. Praktisch stimmt das für die wenigsten Titel. Was in Buchhandlungen ausliegt, steht in der Regel auch in der Stadtbibliothek – in Hamburg in den Bücherhallen –, und was dort fehlt, lässt sich oft über die Fernleihe bestellen.

Dazu kommt der gebrauchte Markt. Ein Standardtitel ist für wenige Euro zurückzuholen, meist schneller, als du das Regal danach durchsucht hättest. Abgeben ist also fast nie endgültig, und dieser Gedanke verändert das Sortieren mehr als jede Regel es könnte.

Es gibt Ausnahmen, und die darfst du ohne weitere Begründung behalten: Bücher mit einer Widmung, Bände mit deinen eigenen Notizen am Rand, vergriffene Titel, regionale Ausgaben, alles aus Familienbesitz. Die sind wirklich weg, wenn sie weg sind.

Der öffentliche Bücherschrank

In vielen Städten stehen inzwischen öffentliche Bücherschränke – umgebaute Telefonzellen, Regale in Bahnhöfen, Kästen an Kirchen und in Parks. Für ein paar Titel auf einmal ist das der schnellste Weg, und der schönste, weil man selbst dort schon Gutes gefunden hat.

Ein wichtiger Punkt dazu: Das sind Tauschregale und keine Sammelstellen. Man stellt hinein, worüber man sich selbst freuen würde, ein paar Bände, und nicht einen ganzen Umzugskarton, der den Schrank für das halbe Viertel blockiert. Ehrenamtliche räumen diese Schränke auf, und ein überfüllter Schrank macht ihnen genau die Arbeit, die man vermeiden wollte.

Kaputtes, Feuchtes und Verschimmeltes gehört dort ohnehin nicht hinein. Es verdirbt im Zweifel auch noch die Bücher daneben.

Verkaufen und spenden

Für größere Mengen gibt es Ankaufdienste wie Momox: Man scannt die ISBN, bekommt ein Angebot, und was angenommen wird, geht als Paket raus. Die Erwartung sollte nüchtern sein – angenommen wird vor allem, was gut erhalten und gefragt ist, und die Beträge sind klein. Als Weg, viele Bücher auf einmal loszuwerden, funktioniert es trotzdem gut.

Über Kleinanzeigen laufen Konvolute lokal am besten, besonders Fachbücher, Kunstbände und vollständige Reihen. Antiquariate schauen sich alte und besondere Bände an, und das lohnt sich vor allem, bevor etwas anderes damit passiert.

Beim Spenden ist die Oxfam-Buchhandlung eine der wenigen Adressen, die sich ausdrücklich auf Bücher eingerichtet hat; daneben nehmen Sozialkaufhäuser und manche Einrichtungen Bücher an, meist nach Absprache. Öffentliche Bibliotheken – in Hamburg die Bücherhallen, anderswo die Stadtbibliothek – nehmen Spenden nur teilweise und oft nur für ihre Flohmärkte, weil der Platz begrenzt ist. Ein Anruf vorher spart die Fahrt.

Was niemand nimmt

Ein Teil jeder Sammlung interessiert schlicht niemanden mehr, und das vorher zu wissen erspart eine Tour durch die halbe Stadt. Vielbändige Lexika, veraltete Reiseführer, Handbücher zu Software, die es nicht mehr gibt, Bücher mit Wasserrändern aus dem Keller, alles mit gelöstem Rücken oder Rauchgeruch.

Das gehört ins Altpapier, bei größeren Mengen zum Wertstoffhof; wie das bei dir geregelt ist, steht auf der Website deiner Kommune. Das ist keine Respektlosigkeit gegenüber Büchern. Ein beschädigtes Buch, das niemand mehr liest, nimmt einem anderen den Platz.

Und noch etwas zum Lagern, weil es immer wieder passiert: Ein Kellerabteil ist kein guter Ort für Bücher. Kartons auf dem Boden ziehen Feuchtigkeit, und zwei Jahre später sind die Bände wellig und nicht mehr weiterzugeben. Wenn Bücher warten sollen, warten sie besser oben und trocken.

Wenn du den Stapel am Ende stehen lässt, ist auch das eine Antwort. Manche leben ausgesprochen gut mit ungelesenen Büchern um sich herum, und ein Regal voller Möglichkeiten ist mehr wert als eines, in dem nichts mehr zu entdecken ist.