Aussortieren ohne schlechtes Gewissen
Das schlechte Gewissen beim Aussortieren ist kein Zeichen dafür, dass du etwas falsch machst. Es zeigt nur an, dass der Gegenstand in deiner Hand nicht bloß ein Gegenstand ist: Es steckt Geld darin, oder ein Mensch, oder ein Plan, aus dem nichts geworden ist. Von außen sieht das alles gleich aus. Tatsächlich sind es verschiedene Dinge mit verschiedenen Ursachen, und deshalb hilft auch nicht überall dasselbe.
Geschenke
Ein Geschenk hat seine Aufgabe in dem Moment erfüllt, in dem es überreicht wurde. Jemand hat an dich gedacht, etwas ausgesucht und es dir gegeben. Dieser Moment hat stattgefunden und lässt sich nicht rückgängig machen. Der Gegenstand ist die Quittung, nicht der Inhalt.
Die eigentliche Schwierigkeit ist fast nie materiell, sondern sozial: die Sorge, dass die schenkende Person es merkt und gekränkt ist. Diese Sorge verdient es, so genannt zu werden, wie sie ist. Meistens merkt es niemand. Und wenn doch, reicht ein schlichter Satz ohne große Inszenierung. Es ist übrigens völlig legitim, etwas nur deshalb zu behalten, weil die Nachfrage unangenehm wäre – solange du das weißt, statt es zu erleiden.
Erbstücke und Nachlass
Wenn eine Wohnung aufgelöst wird, wird alles zur Reliquie, weil alles von dieser Person angefasst wurde. In diesem Zustand werden ganze Kartons behalten, die dann zehn Jahre ungeöffnet im Keller stehen. Dieses Aufbewahren ehrt niemanden.
Was hilft, ist wenig und ausgewählt: ein paar Dinge, die du sehen, hinstellen, benutzen oder deinen Kindern zeigen kannst. Ein Werkzeug, das er benutzt hat, sagt mehr als ein Karton mit Papieren. Und was jetzt nicht zu entscheiden ist, darf warten: an einem festgelegten Ort, mit einem Datum auf dem Karton. Aufschub ist hier keine Feigheit, sondern oft die einzige Möglichkeit, überhaupt vernünftig zu entscheiden. Wo Unterlagen im Spiel sind, gilt außerdem: Aufbewahrungsfristen sind je nach Land und Fall verschieden, und die Auskunft dazu gibt deine Stadt- oder Gemeindeverwaltung, deine Versicherung oder ein Fachmensch – nicht dein Bauchgefühl um halb zwölf nachts.
Teure Fehlkäufe
Der häufigste Satz lautet: „Das hat so viel gekostet.“ Das stimmt, und es hat mit der heutigen Entscheidung nichts mehr zu tun. Das Geld ist seit Langem weg. Es kommt nicht zurück, wenn das Ding im Schrank bleibt, und es geht auch kein zweites Mal verloren, wenn es geht.
Was hier wirklich schwerfällt, ist zuzugeben, dass ein Kauf nicht der richtige war. Das ist unangenehm – und zugleich das Einzige, was den Fehler nützlich macht: Du weißt jetzt, dass dir diese Art Gerät nichts bringt, dass dir dieser Schnitt nicht steht, dass du mit diesem Küchenhelfer nicht kochst. Diese Information ist mehr wert als der Gegenstand.
Wenn wirklich Wert darin steckt, ist Verkaufen eine Möglichkeit – ehrlich gerechnet mit dem Aufwand. Etwas, das seit acht Monaten „verkauft werden soll“, bringt nichts ein und belegt Platz. Es dann zu verschenken, ist keine Niederlage.
Hobbys, die nicht stattgefunden haben
Das ist die stillste und schwerste Kategorie: die Gitarre, die Nähmaschine, das Zeichenmaterial, die Sprachkurse, die Ausrüstung für einen Sport, der zweimal ausgeübt wurde. Diese Sachen wegzugeben fühlt sich an, als würdest du eine Version von dir aufgeben.
Es hilft, zwei Dinge zu trennen. Der Plan darf bleiben: Nichts hindert dich daran, in vier Jahren mit der Gitarre anzufangen, und dann findet sich auch eine. Der Gegenstand aber bringt den Plan nicht voran. Er erinnert nur jedes Mal daran, wenn du den Schrank öffnest, und zwar mit einem leisen Vorwurf. Ein lebendiges Vorhaben steht im Kalender, nicht im Regal.
Das ökologische Gewissen
Viele behalten unbrauchbare Dinge, weil Wegwerfen sich wie ein Vergehen anfühlt. Der entscheidende Moment war aber der Kauf: Da wurden die Ressourcen eingesetzt, und ein Gegenstand im Keller gibt sie nicht zurück.
In deiner Hand liegt jetzt nur noch der Weg. Was gut erhalten ist, findet Abnehmer: Sozialkaufhäuser und Kleiderkammern von DRK, Caritas oder Diakonie, ein Oxfam-Shop, Kleinanzeigen, ein Altkleidercontainer für saubere Textilien, das Tierheim für alte Handtücher und Decken. Was niemandem mehr nützt, gehört auf den Wertstoffhof und in die dortigen Fraktionen – und das ist eine korrekte Behandlung, kein Verrat.
Und wenn wirklich niemand etwas haben will, ist es nicht deine Aufgabe, es stellvertretend für die Welt einzulagern. Ein Kellerabteil ist keine ökologische Lösung, sondern nur eine Verschiebung.
Was du ohne Begründung behalten darfst
Es gibt keine Pflicht, das Behalten zu rechtfertigen. Ein Gegenstand, der zu nichts nütze ist und den du gern ansiehst, ist nützlich. Eine sperrige Sammlung, zu der du stehst, ist kein Problem, das gelöst werden muss. Eine bewohnte Wohnung enthält Zeug, und das ist kein Mangel.
Der Unterschied liegt allein darin, ob die Entscheidung getroffen ist. Bewusst behalten ist ruhig. Behalten, weil man sich nicht entscheiden konnte, meldet sich bei jedem Öffnen der Schranktür. Und du darfst jederzeit mittendrin aufhören, zwei Kartons offen lassen und in einem halben Jahr wiederkommen. Niemand führt darüber Buch, und es gibt keinen Grund, aus einer Sortierrunde schlechter herauszugehen, als du hineingegangen bist.